Freitag, 21. März 2014

Aufgabe 2: Raudtrøya

Einen historischen Gegenstand finden, Aspekte suchen, die man weiterführen will, und dem Ganzen einen neuen Ausdruck verleihen.

Mein Objekt: Eine Trachtenjacke zur Raudtrøyebunad aus Ost-Telemark. Im 18. Jhd war es chic, eine rote Jacke zu haben, und in der ersten Hälfte des 19. Jhds war das dann voll in Mode. Eigentlich kommt die Jacke aus der Renaissance, und eigentlich ist sie noch viel älter als die Renaissance.
Die Jacke ist normalerweise aus einem Stoff namens klede, aber kann auch vadmel sein. Die "Klappe" vorne ist bestickt oder mit Spitze verziert, aber ganz ehrlich, Spitze ist unglaublich langweilig herzustellen, und für Stickerei fehlt mir die Zeit.
Den Schnitt habe ich etwas verändert. Länger, körperbetonter, schmälere Ärmel, und ganz wichtig: Prinzessin vorne und hinten!
Das alles von Hand zusammenzuhnähen ist etwas langweilig, aber äusserst meditativ und man kann dabei gut Doctor Who schauen. man sollte nur aufpassen, dass man nicht die falschen Teile zusammennäht...
Nur die Samtbänder und der Kragen waren nicht so spassig.
Die Farbe ist echt toll geworden. Dass es blau ist, sieht man nur, wenn man direkt davor steht. Leider färbt sie stark ab (das "kvit" aus meinem kvitsaum kann ich streichen!), man muss eine Temperatur von mindestens 90°C haben, und die Suppe stinkt fürchterlich nach warmen Essig.

Die Jacken sind normalerweise aus einem Wollstoff, aber gegen Ende der 1800-er Jahre waren Plyschjacken der letzte Schrei. Anne Bamle nennt das sehr poetisch "die Grässlichkeit der letzten Dekadenzstufe".
Was ich spannend finde, ist, dass Jacken früher nicht als Draussenkleidung angesehen wurden. Die Jacke hat einfach dazugehört, zu Beerdigungen und Hochzeiten durfte man gar nicht ohne gehen, ohne vom Volk gelyncht zu werden. Wenn man raus ging, hat man noch ein Dreieckstuch und einen Mantel oder Umhang drübergezogen.
Ausserdem wurden die Jacken bis zur Kleinkindjacke recyclet. War die Erwachsenenjacke abgetragen, wurde einfach eine kleinere draus gemacht.
Wenn man z.B. auf digitaltmuseum schaut, findet man viele alte Raudtrøyejacken. Das sind allerdings nur Kirchenjacken. Die Sachen, die die Leute im Alltag anhatten, wurden so lange getragen bis sie in Fetzen vom Körper gefallen sind. Oft wurden auch ausgelutschte Kirchenjacken im Alltag getragen, wenn sie zu hässlich für die Kirche waren. Die Lumpen und Fetzen wurden dann an fahrende Händler verkauft, die diese Sammelten und als Isoliermaterial an andere Bauern verkauften. Man kann davon ausgehen, dass die Alltagsjacken keine Stickereien hatten und aus billigeren Materialien gefertigt waren, also keine Samtkanten.

1 Kommentar:

  1. " Das alles von Hand zusammenzuhnähen ist etwas langweilig, aber äusserst meditativ und man kann dabei gut Doctor Who schauen. man sollte nur aufpassen, dass man nicht die falschen Teile zusammennäht..."
    :D Rate mal, wer gerade 80cm Naht wieder aufgetrennt hat ... und dabei habe ich fast zwei Episoden dafür gebraucht!

    Sieht aber schick aus, deine Jacke.

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